Die Bunker am Amalienberg zwischen Gaggenau und Ottenau

Mit der Überschrift „Wo Pioniere, Benzler und Häftlinge schufteten“ veröffentlichte Manfred Reufsteck am 9. April 2013 einen Bericht über den Bau der Luftschutz-Stollen am Amalienberg:

Viele Leser konnten sich bis zur Veröffentlichung des Stollen-Grundrisses (BT vom 9. März 2013) nicht vorstellen, welche Größe und wie viele Einzelstollen diese Gesamtanlage hat. Noch weniger war bisher bekannt, unter welch schwierigen Bedingungen und von welchen Personengruppen dieser Stollen gebaut wurde. Mit dem heutigen Beitrag soll versucht werden, wiederum aus der Vielzahl von Zeitzeugen-Aussagen, hierzu in groben Zügen eine Gesamtaussage zu machen.Amalienberg Foto innen

April 1944: Otto Seubert (vorne Mitte) mit Kameraden beim Bohren der Sprenglöcher in einem der Seitenstollen. Zwei Dreiergruppen arbeiteten bei spärlicher Karbidlampen-Beleuchtung (links) ohne Kopfschutz, ohne Atemschutz, ohne Gehörschutz. Fotos: Archiv Seubert

Gebaut wurde der Amalienbergstollen im Kriegsjahr 1944, als es immer wahrscheinlicher wurde, dass auch Gaggenau mit seinem Lkw-Werk der Daimler-Benz AG Ziel alliierter Luftangriffe werden wird.

Historisches

Die ausgewählte Lage für den Stollen im Amalienberg war weitestgehend bombensicher. Denn darüber lag eine massive Felsendecke von gut 20 Metern Mächtigkeit (die Bundesstraße B 462 gab es damals noch nicht) und die Stolleneingänge lagen etwa neun Meter über dem Grundniveau der Murg. Dort einschlagende Sprengbomben wären daher für die Stollen kaum gefährlich geworden.

Amalienberg Foto 1

Endlich wieder an der frischen Luft. Die sechs Pioniere bei einem Feierabendbier neben der Brücke am Stollen

 

 

Fachkräfte standen für diesen Stollenbau nur sehr begrenzt zur Verfügung, denn die allermeisten waren im Kriegseinsatz. So musste Daimler-Benz aus den Reihen seiner verbliebenen Mitarbeiter beispielsweise Sprengmeister ausbilden lassen, wie den Ingenieur Konrad Keller, Jahrgang 1897, aus Rastatt, der vom Ersten Weltkrieg schwerbeschädigt war und deswegen nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde. Kellers Sohn Konrad jr., Jahrgang 1930, berichtete als Zeitzeuge: „Meinen Vater habe ich mehrmals im Stollen besucht und dort die enorme Gesteinsstaubentwicklung nach jeder Sprengung wie auch die starken Pulvergase miterlebt.

Staublunge als böse Konsequenz

Dennoch musste dort sofort weitergearbeitet werden – ohne Atemschutz, denn die schnellstmögliche Fertigstellung der Gesamtanlage hatte oberste Priorität. Die Folge für meinen Vater war eine Staublungenerkrankung, an der er später starb. So wurde er letztlich doch noch Opfer dieses Krieges.“

Weitere Fachkräfte waren abkommandierte Pioniere des Pionier-Bataillons P35 aus Karlsruhe-Knielingen, die vornehmlich für das Bohren der Sprenglöcher zuständig waren. Einer dieser Pioniere war Otto Seubert aus Ebersbach am Neckar (inzwischen verstorben), er war damals 19 Jahre alt. Für heutige Verhältnisse sind die Arbeitsbedingungen mit den schweren, handgeführten Pressluft-Bohrhämmern unvorstellbar: Ohne festen Kopfschutz, ohne Atemschutz, ohne Gehörschutz bei einem Lärmpegel von mehr als 125 dB(A). Als Beleuchtung waren Karbidlampen eingesetzt.

Die meisten der damaligen Beschäftigten des Benzwerks – so berichteten einige Zeitzeugen – waren verpflichtet, als Hilfskräfte jeweils eine Woche beim Stollenbau mitzuarbeiten. Dabei ging es für diese hauptsächlich um den Abtransport des abgesprengten Gesteins aus den Stollen, womit der Tunnelweg (Elefantenweg) am bis dahin steil abfallenden Amalienberg angelegt wurde. In die Stollen war hierzu eine Feldbahn mit Loren verlegt.

Andere Arbeitskräfte waren bewachte Arbeitskommandos von Gefangenen verschiedenster Nationalitäten wie Franzosen, Italiener, Polen, Russen, ja selbst ein Trupp mit Indern war hier im Einsatz. Die Inder stammten von Einheiten, die an der Seite der Engländer in Italien in deutsche Gefangenschaft geraten waren. In Gaggenau waren diese Inder gerade für die Jugend eine absolute Sensation: Männer mit Turbanen, das gab es hier noch nie. Und mit diesen Turbanen arbeiteten sie auch im Amalienbergstollen. Zeitzeuge Reinhold Ertel, damals 15 Jahre alt, heute in Durmersheim wohnhaft, erinnert sich: „Für diese gefangenen Inder wurde in Gaggenau im Garten des Gasthauses ,Post‘ (heute zum Bahnhofplatz angrenzend) ein Lager eingerichtet. Anfangs ging es hinter dem Stacheldrahtverhau noch friedlich zu, und die fremden Männer hatten zu dem Wachpersonal ein geradezu freundliches Einvernehmen. Doch eines Morgens war große Aufregung im Lager. Die Gefangenen, etwa hundert, meist große, kräftige Männer, standen in Reihen stundenlang dem deutschen Wachpersonal gegenüber, das seine Gewehre schussbereit auf sie gerichtet hatte.

Hungrig zur Arbeit gezwungen

Man hatte den Indern mit Essenskürzung gedroht, wenn sie nicht unverzüglich zum Arbeitseinsatz in den Amalienbergstollen ausrücken würden. Diese aber beriefen sich auf die Genfer Konvention, wonach Kriegsgefangene in Feindesland keine kriegswichtigen Arbeiten verrichten müssten. Nach zähen Verhandlungen zogen dann die Inder doch zum Amalienbergstollen, schufteten dort wie alle anderen und hielten dabei sogar ihre Gebetszeiten ein.“

Ungleich schlechter als den Indern erging es den dort ebenfalls eingesetzten Häftlingen aus dem Sicherungslager Rotenfels, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Schirmeck im Elsass. Die Arbeit war für diese die gleiche wie die der anderen Gefangenen, aber die ohnehin schon recht dürftige Allgemeinverpflegung war für diese Menschen noch erheblich schlechter: Morgens beziehungsweise für tagsüber 250 Gramm Kommissbrot mit 20 Gramm Margarine, abends eine dünne, undefinierbare Suppe – mehr nicht. Auch die Bekleidung war dementsprechend. Wer als Deutscher solchen Gepeinigten ein Stück Brot geben wollte, setzte sich erheblichen Repressalien aus, bis hin zum Risiko, selbst inhaftiert zu werden; die Nazis waren allgegenwärtig.

Zum Thema

Schutz vor alliierten Bombern

Gaggenau (reuf) – Rechtzeitig wurde der Amalienbergstollen zum großen Teil fertig, bevor am 10. September 1944 über Gaggenau 140 amerikanische B-17-Bomber herandröhnten, ihre tödliche Fracht abluden und bald darauf am 3. Oktober dieses Inferno wiederholten.

Im Nachhinein wurde vielen Zeitzeugen bewusst, dass ohne diesen Schutzstollen die Zahl der Toten noch höher gewesen wäre; beim ersten Angriff am 10. September 1944 waren es 152 Tote, hauptsächlich in Gaggenau, beim zweiten waren es 53 Tote, die meisten in Ottenau.

Neueste Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass die damalige Brücke zum Stollen bereits am 10. September durch zwei Bombeneinschläge in unmittelbarer Nähe zerstört wurde. Zwar zeigt eine US-Luftaufnahme vom 29. Oktober 1944 in diesem Bereich ein Brückenbauwerk, doch muss es sich dabei um eine Notbrücke gehandelt haben.

Wie viele Menschen jenen Leuten, die beim Stollenbau mitgewirkt haben, ihr damaliges Überleben zu verdanken haben, lässt sich nicht beziffern. Fast sieben Jahrzehnte später stellt sich nun die Frage, wie dieses Stollensystem erhalten werden könnte, als Erinnerung und Mahnung an die dunkelste Zeit in der Geschichte der Stadt Gaggenau.

Stichwort

Der Amalienbergstollen zwischen Gaggenau und Ottenau, auf der linken Murgseite, gegenüber dem Benzwerk: Einst ein Schutzraum, fristet das Bauwerk mit einer Gesamtlänge von etwa 450 Metern heute ein Schattendasein. Als das größte Bauwerk seiner Art in der Region soll es unter Denkmalschutz gestellt werden, fordert Manfred Reufsteck. In seinen Beiträgen für das Badische Tagblatt lässt er unter anderem Zeitzeugen zu Wort kommen. Weitere Hinweise, auch zum Stollenbau, sind ihm willkommen: (07225) 2885, oder per E-Mail an lumare@gmx.de.

 

1940er 2vli Bunkerbau Kurpark

Bunkerbau Anfang der 1940er Jahre auch am Schanzenberg in Rotenfels.

Das Foto ergänzte Angelika Mast

 

 

 

 

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