Announcement: Herzlich willkommen

Herzlich willkommen auf meiner privaten Website mit Historischem zum Murgtal. Schwerpunkte sind zunächst Gaggenau mit seinen Stadtteilen, das Benzwerk, die Eisenwerke, Michael Flürscheim und Joseph Vollmer.

Im Aufbau befindet sich eine Dokumentation mit Ansichten aus dem 19. Jahrhundert von Gaggenau mit seinen Stadtteilen Bad Rotenfels und Ottenau.

Viel Spaß beim Stöbern wünscht Ihnen

Michael Wessel

 

Gaggenau in historischen Ansichten des 19. Jahrhunderts

Das Murgtal wurde früher auch die Badische Schweiz genannt, da insbesondere im Bereich von Forbach Felspartien zu bewundern sind, die man ansonsten eher in der Schweiz findet. Ein Felsen bei Bermersbach wird sogar das kleine Matterhorn genannt.Im 19. Jahrhundert kamen Professoren von Kunstakademien mit ihren Studenten ins Murgtal, um in der Natur Zeichenstudien zu betreiben. Daher gibt es sehr erfreulicherweise viele Ansichten mit Motiven aus dem Murgtal.

Nicht ganz so spektakulär wie die Ansichten mit Felspartien im hinteren Murgtal sind die Stiche und Lithographien vom Eingang in das Murgtal, also von Rotenfels, Gaggenau und Ottenau. Die in meiner Sammlung befindlichen Ansichten stelle ich hier ab Mai 2021 von Woche zu Woche vor.

Wenn ich diese Reihe abgeschlossen habe, freue ich mich über Ergänzungen durch andere Sammler oder Sammlerinnen einschließlich heimatkundlicher Archive.

Von Anfang an bin ich für Ergänzungen der Texte dankbar, denn oft ist mir beispielsweise nicht bekannt, in welchem Buch einzelne Abbildungen erschienen sind. Natürlich können sich auch Fehler einschleichen, die korrigiert werden sollten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Dokumentation im Laufe der Jahre wächst und dass sich vielleicht auch Sammlerinnen und Sammler finden, welche die Ansichten der weiteren Orte im Murgtal auf dieser Website www.murgtal-chronik.de dokumentieren.

Auch wenn noch viele Daten zu einzelnen Bildern fehlen: Ein erster Schritt wird gemacht und am Eingang zum Murgtal begonnen. Die Vergabe der Bildnummern mit Abständen erlauben es, später andere Ansichten einzufügen.

Bad Rotenfels

Nr. 001

Dem bekannten Kunst-Professor und Leiter der Großherzoglichen Gemäldegalerie in Karlsruhe, Carl Ludwig Frommel, verdanken wir diesen frühen Stahlstich vom Eingang in das Murgtal mit der Kirche St. Laurentius, einer gewaltigen Holzbrücke und ganz rechts am Bildrand dem Schloss Rotenfels. Erschienen ist er um 1825 in den Reiseführern „Malerische Ansichten von Baden und seinen Umgebungen“ und 1827 in „Baden und seine Umgebungen“.

Bezeichnung: Rothenfels im Murgthal; C. Frommel delineavit. W. Nowack skulp.

Format: 20,7 x 14,5 cm

Quelle: https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/titleinfo/6131237

Wikipedia zu Carl Ludwig Frommel u. a.: Bei einem Studienaufenthalt in London 1824[3] eignete sich Frommel die neuartige Technik des Stahlstichs an: 1820 hatte Charles Heath in England erstmals illustrierende Stahlstiche veröffentlicht, die sich dort bereits großer Beliebtheit erfreuten. Nach seiner Rückkehr eröffnete Frommel zusammen mit dem Engländer Henry Winkles, der auch für William Tombleson (ebenfalls London) arbeitete, 1824 in Karlsruhe ein Atelier für Stahlstecher, das erste seiner Art in Deutschland.

Nr. 005

Die Abbildung von Carl Ludwig Frommel diente offensichtlich als Vorlage für einen kleinen anonymen Stahlstich. Erschienen ist er vermutlich in einem der vielen Souvenir-Büchlein „Bade et ses environs“, die insbesondere von Gästen in Baden-Baden gerne gekauft wurden, um zuhause zu zeigen, wo man eine Kur gemacht hatte.

Bezeichnung: Rothenfels

Format: 9,7 x 5,8 cm

Nr. 010

Das vom Hofarchitekten Friedrich Weinbrenner erbaute Schloss Rotenfels zeigt eine Lithografie, die um 1830 im Verlag von J. Velten, Karlsruhe, erschienen ist. Ein Wegweiser gibt die Richtung der „Strasse nach Carlsruhe“ an.

Der Verlag von Johann Velten begegnet uns auf zahlreihen Lithografien des Murgtals. Im Karlsruher Stadtlexikon ist unter anderem zu lesen: „1820 gründete der 1784 in Wetzlar geborene und zuletzt in Basel tätige Kunsthändler Johann Velten in Karlsruhe eine Kunsthandlung mit Verlag und Sortiment in seinem Haus Lange Straße 233. Gegen Jahresende 1826 erhielt Velten die Konzession für den freien Betrieb der Lithografie und für die Errichtung einer Buchdruckerei für den eigenen Verlag. Ab Januar 1830 durfte er auch fremde Verlagsbücher drucken. 1832 eröffnete Velten, dessen Schwerpunkt auf der Herausgabe von Musikpartituren und Kunstbüchern lag, im Haus des Kaufmanns Carl Josef Mallebrein, Lange Straße 141, ein zweites Ladengeschäft, das er 1838/39 wieder aufgab. Zuvor hatte er in St. Petersburg 1837 eine Zweigniederlassung seines Geschäfts gegründet.“

https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:ins-1389

Bezeichnung: Schloß Rothenfels; bei J. Velten

Format: 18 x 13 cm

Nr. 020

„Die Solitude bey Rothenfels“ zeigt diese sehr frühe Lithographie aus dem Jahr 1818. Das im 17. Jahrhundert entstandene Gebäude wurde aber bereits 1796 durch französische Truppen zerstört. Übrig blieb nur der Felsenkeller. Für das  „Tage-Buch der Feldzüge des Krieges gegen Frankreich in den Jahren 1792 – 1796“ hatte der von 1791 bis 1796 in Gernsbach lebende  Amtmann Ernst Ludwig Posselt eine Abhandlung über das Murgtal und ein Dutzend Zeichnungen beigesteuert. Dazu gehörte diese interessante Abbildung der Solitude. Ein Glücksfall. Erschienen ist das Werk 1818 im Verlag Decke in Kolmar.

Unter den Abbildungen finden wir auch die Glasfabrik zwischen Gaggenau und Rothenfels und zwei mit dem Amalienberg.

Die Lithografie, auch Steindruck genannt, war erst 1798 von Alois Senefelder erfunden worden. Die ganz frühen Lithografien, wie dieser mit der Sulitude, werden Wiegendrucke genannt, weil sie in einer Zeit entstanden, in der sich diese neue Drucktechnik noch in den Kinderschuhen befand.

Bezeichnung: Die Solitude bey Rothenfels; J. Boillot 1818 (Es gab offensichtlich mindestens drei Auflagen, denn es existieren auch Drucke mit J. A. Billot 1818 und Lithographie de G. Engelmann à Mulhouse und weitere mit der Jahreszahl 1819 und ebenfalls dem Verlagshinweis.)

Format: 33,8 x 21,2 cm

E-Book: https://play.google.com/store/books/details?id=ULNCAAAAcAAJ&rdid=book-ULNCAAAAcAAJ&rdot=1

Nr. 025

Auf dem Keller der 1796 zerstörten Solitude, der Einsiedelei, am Fuße des Schanzenberges ließ sich Karoline von Hochberg vom badischen Oberbaudirektor Friedrich Weinbrenner ein Lusthaus errichten. Die altkolorierte Radierung von Johann Georg Primavesi nach einer Zeichnung von Carl Ludwig Kuntz aus dem Jahr 1806 zeigt rechts das „Römische Haus“ mit seinen vier Säulen und auf der linken Seite ist die Kirche St. Laurentius mit dem Pfarrhaus davor zu sehen. Erschienen ist die Radierung in dem „Handbuch für Reisende nach Baden bei Rastatt, in das Murgthal und auf den Schwarzwald“ sowie in einer Mappe „Das Murgthal geaezt von G. Primavesi“. Erschienen sind sie in den Heidelberger Verlagen Joseph Engelmann und Mohr & Zimmer.

Bezeichnung: Rothenfels am Eingang in das Murgtal zu finden bei Mohr & Zimmer in Heidelberg; gez. von  C. Kuntz – geaetzt von G. Primavesi f.aqua forte

Format: 27,5 x 17,3 cm

Nr. 026

Vermutlich bereits bei Erscheinen der Mappe wurden die Abbildungen auch koloriert angeboten.

Hier noch als Beispiel der Titel einer Mappe mit einer gedruckten Widmung: „Seiner königlichen Hoheit Karl Friedrich Grosherzog von Baden unterthänigst gewidmet von Georg Primavesi“. Den Zeichner erwähnt er nicht.

Nr. 030
Das „Römische Haus“ ist auch das Hauptmotiv eines von Carl Ludwig Kuntz zu Beginn des 19. Jahrhunderts gezeichneten und dann von ihm selbst geätzten großformatigen Kupferstichs. Zu sehen sind ebenso die Kirche St. Laurentius und im Vordergrund diesmal zwei Reiter und ein Wanderer.
Bezeichnung: Ansicht von Rothenfels am Eingang des Murgthales, Vue de Rothenfels a l’Entrée du Murgthal; Geaetzt und herausgegeben von Carl Kuntz Grosherzogl. Badischem Hof-Maler in Carlsruhe
Format: 35,5 x 26 cm

Buchvorstellung: Das Murgtal – Ansichten aus der „badischen Schweiz“

Die Herausgeberin Tina Wessel, Jahrgang 1976, Kulturwissenschaftlerin und selbst waschechte Murgtälerin hat darin zahlreiche reizvolle Landschaftsansichten aus dem Murgtal mit historischen Reisebeschreibungen, Gedichten und Sagen zu einem Spiegelbild dieser Epoche verbunden. Die Bilder und Texte führen uns auf eine Reise vom Eingang des Tales bei Bad Rotenfels bis zum Ende des badischen Teils hinter Forbach.

Das Buch entführt Sie auf eine Zeitreise ins Murgtal des 19. Jahrhunderts. Das Murgtal – seit jeher Inspirationsquelle für zahlreiche Künstler und Schriftsteller – wurde von seinen Bewunderern wegen seiner Ähnlichkeit mit der Schweiz auch die „badische Schweiz“ getauft. Dieser Vergleich – heute längst in Vergessenheit geraten – muss jedoch im 19. Jahrhundert den Betrachtern und Bewunderern des Murgtals umso gegenwärtiger gewesen sein. Denn es existiert kaum eine Beschreibung dieses „Tempels der Natur“, die nicht diese Metapher bemüht, die nicht die schroffen Felspartien und den wilden Lauf der Murg zum Anlass nimmt, gedankliche Assoziationen zur Schweiz aufzubauen.

Das Murgtal – die „kleine Schweiz“ – war zu dieser Zeit weit über seine Grenzen hinaus bekannt und berühmt für seine abwechslungsreiche und gegensätzliche Landschaft, die auch viele Künstler ins Tal lockte und dazu inspirierte, diese besonderen Reize bildnerisch festzuhalten. Zu diesen Künstlern zählen beispielsweise Christian Haldenwang, Georg Primavesi, Johann Obach, Carl Kuntz und Carl Ludwig Frommel. Den Ergebnissen dieses kreativen Schaffens galt das Interesse der Herausgeberin. Zu diesen zählen Landschafts-ansichten in Form von Kupferstichen, Radierungen, Lithographien, Stahl- oder Holzstichen, Aquarellen und Zeichnungen.

Das Buch bietet eine Fülle dieser beeindruckenden und überwiegend sehr seltenen Ansichten des Murgtals. Ergänzt werden sie durch pointierte Reiseberichte, interessante historische Beschreibungen, schwärmerische Gedichte und spannende Sagen rund ums Tal. Damit wird der optische Eindruck mit der ganz konkreten Lebenssituation des 19. Jahrhunderts verknüpft, und der Leser erhält dadurch ein facettenreiches Bild. Es soll ihm so auf unterhaltsame und abwechslungsreiche Weise ermöglicht werden, eine Reise in das Murgtal vergangener Tage anzutreten.

Erhältlich ist das Buch mit 132 Seiten im Hardcover für 10 Euro im Unimog-Museum oder über www.buchundbild.de (plus Versandkosten): https://www.buchundbild.de/de/buecher-technik-/-daimler-benz-/buch-das-murgtal-ansichten-badischen-schweiz-sonderpreis

Nach der Natur gezeichnet – Unser Landkreis in Bildern und Beschreibungen der Romantik und des Biedermeier

… ist Titel eines 24-seitigen Beitrags, den ich 1986 für das Heimatbuch des Landkreises Rastatt geschrieben habe. Darin werden auch die einzelnen Drucktechniken vorgestellt, die uns heute noch ermöglichen, uns an den Ansichten aus dem19. Jahrhundert zu erfreuen.

Michael Wessel

 

Giuseppe Casà: Vom Hilfsarbeiter zum geschätzten Geschäftsmann

Italieniscche Produkte vom Feinsten bieten Samuel, Antonia, Giuseppe, Josefine und Luca Casà in Ottenau an.

Vom Hilfsarbeiter zum geschätzten Geschäftsmann

 Giuseppe Casà ist ein hervorragendes Beispiel für eine gelungene Integration

Orangen als Schlüsselerlebnis

Speiseeis, Orangen und Oliven spielen im beruflichen Leben des Sizilianers Giuseppe Casà eine besondere Rolle, denn sie waren mitentscheidend für seine beispielhafte Karriere. Aber ausschlaggebend waren der ausgeprägte gesunde Ehrgeiz und die positive Einstellung zum Leben und zu den Mitmenschen. Als seine Eltern 1970 Beschäftigung in den Gaggenau-Werken fanden, wollten sie wie viele sogenannte Gastarbeiter nur einige Jahre im Murgtal arbeiten, um dann wieder nach Sizilien zurückzukehren. Doch sie blieben für immer.

Im Jahr 1975 arbeitete der damals 15-jährige Giuseppe zunächst als Hilfsarbeiter bei den Holzwerken Rahner und im Folgejahr als Hoffeger in den Gaggenau-Werken. „Das war für mich sehr deprimierend“, erinnert er sich heute, und er setzte daher seinen ganzen Ehrgeiz daran, dass sich an seiner beruflichen Situation etwas ändert. Bald wurde er Stanzer und ab 1980 Maschinenbediener im Protektorwerk Florenz Maisch. Und so schloss er 1985 berufsbegleitend seine Ausbildung als Industriemechaniker an der Abendschule ab.

Voller Begeisterung erzählt der heute Sechzigjährige, dass er sich 1987 einen gebrauchten Eiswagen gekauft habe und manchmal hundert Leute beim Benzwerk, bei Maisch oder bei Roth-Technik in der Schlange standen. Das Jahr 1987 sollte aber noch mehr Bedeutung bekommen, denn er lernte bei einem Heimatbesuch in Italien seine Frau Antonina kennen – ein Jahr später heirateten sie. Ein zweiter Eiswagen wurde gekauft, und jetzt fuhren beide insbesondere nach Karlsruhe auf den Turmberg und in die Schrebergärten von Hagsfeld. Viele Freundschaften entstanden dabei, und so fährt Giuseppe Casà weiterhin gerne dorthin.

Seit über 30 Jahren verkauft Giuseppe Casà selbst gemachtes Eis – meist bei den Schrebergärten in Karlsruhe-Hagsfeld

Ein Schlüsselerlebnis hatte er sicherlich, als ihn 1994 ein Schwager bat, für ihn ein paar Kisten unbehandelte Orangen in Gaggenau zu verkaufen. Giuseppe Casà erschrak, als ganze 300 Kisten ankamen. „Wer soll die denn alle essen?!“, schimpfte er. Doch nach zwei Tagen waren sie restlos verkauft. Die nächste Lieferung kam kurz darauf dann schon mit einem Sattelzug. Auch hier verkauften sich die 24 Tonnen innerhalb einer Woche. Anlieferung und Verkauf waren noch in der alten AVIA-Tankstelle. Aber auch im Benzwerk oder bei Blumen-Hertweck fanden die Orangen kistenweise Abnehmer.

Und dann sind da ja noch die Oliven, die bereits seit etwa 1800 in der Großfamilie angebaut und insbesondere zu Öl gepresst werden. Die eigene Anbaufläche vergrößerte Giuseppe Casà durch den Zukauf von 5.000 Quadratmetern auf fast das Doppelte. Und es ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass er jedes Jahr im Oktober zwei oder drei Wochen bei der Olivenernte vor Ort ist, um eine hohe Qualität gewährleisten zu können.

Bereits mit dem Kauf eines Reihenhauses in Ottenau im Jahr 1992 stand für Antonina und Giuseppe Casà fest, dass sie hier bleiben werden. Das manifestierte sich, als beide den Entschluss fassten, einen Groß- und Einzelhandel für italienische Feinkost aufzubauen, hierfür 1997 ein Grundstück kauften und vier Jahre später ihr Geschäft eröffnen konnten. Erst jetzt gab Giuseppe Casà seine Tätigkeit im Protektorwerk Maisch auf, um sich voll und ganz der neuen Herausforderung zu stellen.

Der Traum der beiden ging in Erfüllung: Mit tatkräftiger Unterstützung durch ihren Sohn Samuel ist ihr Unternehmen „Pronto Casa“ heute in der Region die Nummer eins für italienische Spezialitäten – auch bei der Belieferung der Gastronomie. Zusammen haben sie sich noch weitere Ziele gesteckt: Durch den Zukauf eines Grundstücks soll die Verkaufsfläche von 280 auf 440 Quadratmeter und die Lagerfläche von 200 auf 400 Quadratmeter erhöht werden. Damit wollen sie ihre Spitzenposition langfristig absichern.

Giuseppe Casà ist heute glücklich über die positive Entwicklung, die er dank großem Ehrgeiz und guter Gesundheit, aber auch dank glücklicher Fügungen durchlaufen durfte. Daher freuen sich insbesondere in der Vorweihnachtszeit gleich mehrere soziale Einrichtungen immer wieder unter anderem über seine Orangen-Spenden.

Text und Fotos: Michael Wessel

Erstveröffentlichung im Badischen Tagblatt vom 1. September 2020

1888: perforierte Toilettenrollen aus den Eisenwerken Gaggenau

Bereits 1888 boten die Eisenwerke Gaggenau vier Halter für perforiertes Toilettenpapier an - vier Jahrzehnte vor Hakles Produktion in Ludwigsburg.

Bereits 1888 boten die Eisenwerke Gaggenau vier Halter für perforiertes Toilettenpapier an – vier Jahrzehnte vor Hakles Produktion in Ludwigsburg.

Badisches Tagblatt, 25. August 2015         DER MURGTÄLER

Gaggenauer Komfort fürs Closet

Der gerollte Hygieneartikel wurde früher als bislang angenommen hergestellt

Am 26. August ist Tag des Toilettenpapiers

Von Michael Wessel

Gaggenau – Es gibt Gedenktage, die regelmäßig durch die Medien gehen. So ist am morgigen 26. August – man kann es kaum glauben – der internationale Tag des Toilettenpapiers, der toilet paper day. Gibt es einen besseren Anlasse, die Geschichte des Toilettenpapiers, auf die bei solcher Gelegenheit gerne zurückgeblickt wird, zu korrigieren? Denn jetzt belegen zwei Dokumente, dass der Hygieneartikel bereits 1888 in den Eisenwerken Gaggenau in großem Stil hergestellt wurde. Bislang galt als gesichert, dass gerolltes Toilettenpapier in Deutschland erst in den 1920er Jahren produziert wurde.

Bisher wird Hans Klenk zugeschrieben, die Toilettenrolle auf dem europäischen Festland eingeführt zu haben. Der Firmenname, die Abkürzung Hakle, ist vielen geläufig. So schrieb beispielsweise die Berliner Zeitung 2003: „Der schwäbische Unternehmer Hans Klenk wickelte im Jahr 1928 – vor 75 Jahren – zum ersten Mal lange Papierstreifen auf eine Rolle. Damit führte der ehemalige Banker in Europa ein, was die Firma Scott um 1890 in Amerika bereits vorgemacht hatte. Die amerikanische Papierfabrik hatte sich damals noch gescheut, den eigenen Namen auf das als anrüchig empfundene Produkt zu drucken.

Hakle-Produktion erst ab 1928

Auch der Brite W. C. Alcock, der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Alternative zu den bis dahin üblichen Zeitungsschnipseln erfand, nannte diese schamvoll Papierlockenwickler. Klenk hatte keine derartigen Bedenken und gründete 1928 sein Werk im schwäbischen Ludwigsburg. Als Firmennamen wählte er seine erweiterten Initialen: Hakle. Dazu fiel ihm ein psychologisch wertvoller Werbespruch ein: „Verlangen Sie eine Rolle Hakle, dann brauchen Sie nicht Toilettenpapier zu sagen.“

Diese weit verbreitete Auffassung, dass erst 1928 die Toilettenrolle auf dem europäischen Festland eingeführt wurde, muss jetzt korrigiert werden. Denn bereits fast vier Jahrzehnte zuvor, 1891, wirbt Theodor Bergmann, Geschäftsführer der Eisenwerke Gaggenau, in einer Firmenbroschüre für seine Toilettenrollen: „Papier-Perforier-Anstalt, mit 12 Specialmaschinen, fertigt pro Tag über 2000 Rollen gelochtes Closetpapier und ist bis heute wohl auf dem ganzen Kontinent die einzige derartige Anstalt.“ Zwei Zeichnungen ermöglichen den Blick in die Produktion des gerollten und gelochten Toilettenpapiers.

Die frühe Produktion von Toilettenpapier in den Eisenwerken Gaggenau belegen auch diese beiden Zeichnungen aus dem Jahr 1891.

Die frühe Produktion von Toilettenpapier in den Eisenwerken Gaggenau belegen auch diese beiden Zeichnungen aus dem Jahr 1891.

 

Luxus mit Leuchte und Streichholzhalter

In den Gaggenauer Eisenwerken wurde offensichtlich aber bereits früher Toilettenpapier auf Rollen produziert, denn in einem ledergebundenen „Illustrirtem Preisverzeichnis“, das 1888 anlässlich der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft herausgegeben wurde, werden gleich vier sehr unterschiedliche „Closetclipse für Rollenpapier“ mit folgender Werbebotschaft offeriert: „Die meisten Halter für Rollen-Papier haben den Nachtheil, dass die Rollen zu schwierig einzumachen sind und dass namentlich beim Abreissen zu viel Papier nachläuft, d. h. sich von selbst abrollt und unordentlich herunterhängt. Bei diesen neuen Clips sind diese Mängel beseitigt, indem die Einführung eine sehr einfache ist.“

Diese Formulierung lässt darauf schließen, dass es sich zu diesem Zeitpunkt um keine Neuheit handelte, also gerolltes Toilettenpapier und die dafür notwendigen Halter sogar bereits vor 1888 hier angeboten wurden. Diese kosteten in einfachster Ausführung zehn Mark und in der Luxusvariante mit Leuchter und Streichholzhalter 78 Mark. Die dazu gehörige Rolle mit 1000 Abrissen wurde im Dutzend für zwölf Mark angeboten. Beides also ein besonderer Luxus, wenn man bedenkt, dass die 78 Mark mehr als dem Wochenlohn eines Facharbeiters entsprachen.

Weiter heißt es: „Wir machen noch ausdrücklich darauf aufmerksam, dass unser Rollenpapier perforirt ist, was den grossen Vortheil hat, dass man selten mehr abreisst als eben nothwendig ist, während bei nicht perforirtem Papier immer zu viel abgerollt wird und dieses dann trotz etwas billigerem Ankaufpreis, wesentlich theurer zu stehen kommt, als das unsrige.“

Wie im „Illustrirtem Preisverzeichnis“ weiter zu sehen ist, boten die Eisenwerke auch Halter für „Closetpapierhalter in Buchform“ an. Dabei war man sich nicht zu schade, das Markenzeichen, zwei gekreuzte Pistolen, groß auf das Deckblatt zu drucken.

Am Tag des Toilettenpapiers können wir also feststellen, dass sich die perforierte Klorolle von Gaggenau aus auf dem europäischen Festland verbreitet hat.

Mehr zu den Eisenwerken Gaggenau in dem Buch „Michael Flürscheim – Industrieller, Sozialökonom, Utopist“, erhältlich im Buchhandel oder über www.buchundbild.de sowie auf www.murgtal-chronik.de

 

 

 

Landesverein Badische Heimat

Wenn Sie sich für die Geschichte unserer Region interessieren, dann sollten Sie sich über die Ziele und Aufgaben des Landesvereins Badische Heimat informieren. Ein umfangreiches Portrait ist in Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Heimat oder deren Website http://www.badische-heimat.de zu finden.  Ansprechpartner der Regionalgruppe Rastatt ist Martin Walter, Leiter des Kreisarchivs Rastatt, Tel. 07222 381 3581, E-Mail; rastatt(at)badische-heimat.de

Landesverein BADISCHE HEIMAT e.V. – Regionalgruppe Rastatt

Jahresprogramm 2021

 
14. Juli: Peter Mohr: Die Mittelbadische Eisenbahngesellschaft (MEG) in Bild und Film

SOMMERPAUSE

13. Oktober: Dr. Michael Braun: Die europäische Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg (kleiner Sitzungssaal)

24. November: Dr. Andrea Hoffend, Luisa Lehnen, M.A.: Ein Ort der Willkür und Entrechtung: Das badische Konzentrations-lager Kislau 1933 bis 1939 (in Kooperation mit der VHS Landkreis Rastatt)8. Dezember: Sigrid Gensichen, M.A: Zwischen Schlackenwerth und Rastatt. Markgräfin Franziska Sybilla Augusta von Baden-Baden (1675–1733

Wir bitten um Verständnis, dass alle Veranstaltungen vorbehaltlich der weiteren Entwicklung im Zuge der Corona-Pandemie angekündigt sind und ausschließlich mit Voranmeldung besucht werden können. Beginn der Vorträge ist jeweils um 19 Uhr.

Die Vorträge finden – sofern nicht abweichend angegeben – im Kreistagssaal (Raum D 0.13) des Landratsamts (Am Schlossplatz 5) statt. Der Zugang erfolgt über den Haupteingang.

Kontakt: Martin Walter/Kreisarchiv Rastatt, Am Schlossplatz 5, Tel.: 07222/381-3581 oder per Mail: m.walter@landkreis-rastatt.de.

Der Eintritt ist frei. Beachten Sie bitte die Ankündigungen in der Presse!

Termine zur Heimatkunde

 

Postkarte der Gaststätte "Brüderlin" von 1924

Postkarte der Gaststätte „Brüderlin“ von 1924

Die Sammler von Ansichtskarten und Stichen/Lithographien mit Motiven aus dem Landkreis Rastatt und Stadtkreis Baden-Baden treffen sich zweimal jährlich im „Brüderlin“, Gernsbach. Pandemiebedingt finden derzeit jedoch noch keine Termine statt.

Weitere Termine zur Heimat- und Indurstriegeschichte veröffentlichen wir hier gerne. Bitte mailen an wessel-gaggenau@t-online.de

Die Termine der Regionalgruppe Rastatt der Badischen Heimat stehen im Beitrag „Badische Heimat“.

 

1891 – Älteste Ansichtskarte des Murgtals?

AK Rotenfels 1891 - BeuchertBeim Treffen der Postkartensammler der Region wurde die Frage aufgeworfen, welches wohl die älteste Ansichtskarte aus dem Murgtal ist. Bisher hält diesen Spitzenplatz eine Karte mit dem Motiv des Badhauses in Bad Rothenfels, die dort am 24. August 1891 geschrieben und aufgegeben wurde. Nur wenige Tage jünger ist eine Karte aus Gernsbach.

Vielleicht existieren aber auch noch ältere Ansichtskarten?

Hinweise bitte an Michael Wessel, Tel. 07225 97 00 349 oder wessel-gaggenau@t-online.de

 

Zweiter Band über den Rastatter Chronisten Franz Simon Meyer von Sebastian Diziol erschienen

 

Rainer Wollenschneider schreibt am 22. Dezember 2017 im Badischen Tagblatt:

Revolutionszeit wird lebendig

Der zweite Band der Lebensgeschichte des Rastatter Bankiers Franz Simon Meyer ist nach der Vorstellung des ersten Buchs 2016 von vielen Menschen mit Spannung erwartet worden. Sebastian Diziol hat wieder ganze Arbeit geleistet und kann nun auf 559 Seiten ein Zeitbild präsentieren, das in interessanten Facetten die Zeit von 1828 bis zur Revolution in Baden von 1848/49 nahebringt. Packend sind die kommentieren Aufzeichnungen des Rastatters Weltbürgers und Bankiers, die im Stadtarchiv Baden-Baden im Original aufbewahrt sind.

Treffend heißt es im Begleittext, dass Meyers Aufzeichnungen Momente des Glücks und der Trauer sowie den Alltag gerade der turbulenten Zeit der Revolution minuziös wie sonst kaum schildern. Eine Augenweide sind die eingestreuten Textillustrationen, die der Ausgabe – neben über 50 Abbildungen und vier Karten – einen besonderen bibliophilen Charakter verleihen.

Überraschend ist die Schilderung eines Hochzeitsessens im Hause Meyer im November 1829 mit Sitzplan. Serviert wurden neben Austern, Schnecken und Kapaunen damals auch Auerhähne. Meyer beschreibt auch das revolutionäre Treiben schon 1830 in Frankreich und Polen, aber er liefert auch Interessantes zum geheimnisumwitterten Kaspar Hauser.

Dass der reiche Bankier auch eine poetische Ader hatte, das belegt er durch abgedruckte Gedichte. So 1835 „Das Schloss Rastatt“ und die rührende Elegie auf die verstorbene Fanny Meyer.

Immer wieder überraschen in Sebastian Diziols Band Meyers kenntnisreiche Blicke über den regionalen Tellerrand: Erdbeben in Syrien, Cholera in Sizilien und Kriege gegen ethnische Minderheiten in Russland. Ab 1840 ist das Geschilderte insbesondere eine wahre Fundgrube zur Rastatter Stadtgeschichte und der Region. 1842 schreibt Meyer: „Eisenbahn und Festung rauben den Einwohnern die Hälfte ihrer Güter“, und man sei sich über Grundstückspreise nicht einig. Allerdings ist Meyer dann 1844 über die hohen gezahlten Grundstückpreise glücklich. Es stören ihn nur 4000 Tagelöhner und Maurer beim Festungsbau.

Vor dem Hintergrund der Errichtung der Bundesfestung in Rastatt schildert der Bankier die revolutionäre Stimmung 1847: „In Deutschland gärt es, namentlich bei uns in Baden.“ Wird auch am 26. März 1848 die schwarz-rot-goldene Fahne auf den Rastatter Festungswällen gehisst, Meyer als Mitglied des Bürgerausschusses ist das nicht genehm. „Gegen meinen Willen abgesandt“ ist protestierend unter einer zitierten demokratischen Petition zu lesen.

Ein erhaltener Festungsplan ist dann nur der Auftakt zu spannend zu lesenden Beschreibungen eines Insiders zu den revolutionären Ereignissen und der vorübergehenden Herrschaft der Revolutionäre in der Stadt vom 12. Mai bis zur Kapitulation am 23. Juli 1849.

Nirgendwo in der bisher öffentlich greifbaren Literatur zur Revolution sind die Schilderungen dazu so packend ausgefallen. Spannend und mitreißend ist, was Meyer über die Standgerichtsurteile durch Erschießen schreibt.

Mit dem zweiten Band der Aufzeichnungen des Franz Simon Meyer wurden Fakten in neuem Licht, aber auch ein historischer „Roman“ geliefert, der wahrlich fesseln kann. Zusätzlich hat der aus Baden-Baden stammende Sebastian Diziol durch seine Anmerkungen mit Erklärungen und ein detailliertes Register ein wichtiges Nachschlagewerk abgeliefert.

„Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens“ , Band 2, kostet 32,90 Euro.

Buchvorstellung: Michael Flürscheim – Industrieller – Sozialökonom – Utopist

Fluerscheim Titel 300Im Dezember 2014 erschien das Buch „Michael Flürscheim – Industrieller – Sozialökonom – Utopist“. Es hat 156 Seiten, kostet 19,90 Euro und ist im regionalen Buchhandel, im Unimog-Museum und über www.buchundbild.de erhältlich.

Hier zur Einstimmung der Rückentext:

Betrachtet man das Lebenswerk von Michael Flürscheim (* 1844 in Frankfurt am Main, + 1912 in Berlin), dann hat er vor mehr als hundert Jahren bereits bewiesen, dass es möglich ist, als außergewöhnlich sozial eingestellter Unternehmer besonders erfolgreich zu sein. Hat er doch von 1873 bis 1888 in nur fünfzehn Jahren die Eisenwerke Gaggenau von 40 Mitarbeitern – zeitweise gemeinsam mit Theodor Bergmann – zu einem international bekannten Industrieunternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern entwickelt.

Als genialer Denker und Utopist machte er sich durch seine Bücher, Schriften und Vorträge international einen Namen als Kämpfer für die Bodenreformbewegung.

Seine utopischen und teilweise amüsanten Vorstellungen, wie Deutschland in hundert Jahren – somit um 1980 – aussehen könnte, hat er in einem „modernen Märchen“ entwickelt – der Schwerpunkt dieser Veröffentlichung.

Das enorme persönliche und finanzielle Engagement von Michael Flürscheim für die Bodenreform und den Genossenschaftsgedanken war allerdings letztlich nicht von Erfolg gekrönt. Seine fünfzehn Gaggenauer Jahre waren jedoch für die industrielle Entwicklung des Murgtals ein Glücksfall.