Gaggenau in historischen Ansichten des 19. Jahrhunderts

Das Murgtal wurde früher auch die Badische Schweiz genannt, da insbesondere im Bereich von Forbach Felspartien zu bewundern sind, die man ansonsten eher in der Schweiz findet. Ein Felsen bei Bermersbach wird sogar das kleine Matterhorn genannt.Im 19. Jahrhundert kamen Professoren von Kunstakademien mit ihren Studenten ins Murgtal, um in der Natur Zeichenstudien zu betreiben. Daher gibt es sehr erfreulicherweise viele Ansichten mit Motiven aus dem Murgtal.

Nicht ganz so spektakulär wie die Ansichten mit Felspartien im hinteren Murgtal sind die Stiche und Lithographien vom Eingang in das Murgtal, also von Rotenfels, Gaggenau und Ottenau. Die in meiner Sammlung befindlichen Ansichten stelle ich hier ab Mai 2021 von Woche zu Woche vor.

Wenn ich diese Reihe abgeschlossen habe, freue ich mich über Ergänzungen durch andere Sammler oder Sammlerinnen einschließlich heimatkundlicher Archive.

Von Anfang an bin ich für Ergänzungen der Texte dankbar, denn oft ist mir beispielsweise nicht bekannt, in welchem Buch einzelne Abbildungen erschienen sind. Natürlich können sich auch Fehler einschleichen, die korrigiert werden sollten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Dokumentation im Laufe der Jahre wächst und dass sich vielleicht auch Sammlerinnen und Sammler finden, welche die Ansichten der weiteren Orte im Murgtal auf dieser Website www.murgtal-chronik.de dokumentieren.

Auch wenn noch viele Daten zu einzelnen Bildern fehlen: Ein erster Schritt wird gemacht und am Eingang zum Murgtal begonnen. Die Vergabe der Bildnummern mit Abständen erlauben es, später andere Ansichten einzufügen.

Bad Rotenfels

Nr. 001

Dem bekannten Kunst-Professor und Leiter der Großherzoglichen Gemäldegalerie in Karlsruhe, Carl Ludwig Frommel, verdanken wir diesen frühen Stahlstich vom Eingang in das Murgtal mit der Kirche St. Laurentius, einer gewaltigen Holzbrücke und ganz rechts am Bildrand dem Schloss Rotenfels. Erschienen ist er um 1825 in den Reiseführern „Malerische Ansichten von Baden und seinen Umgebungen“ und 1827 in „Baden und seine Umgebungen“.

Bezeichnung: Rothenfels im Murgthal; C. Frommel delineavit. W. Nowack skulp.

Format: 20,7 x 14,5 cm

Quelle: https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/titleinfo/6131237

Wikipedia zu Carl Ludwig Frommel u. a.: Bei einem Studienaufenthalt in London 1824[3] eignete sich Frommel die neuartige Technik des Stahlstichs an: 1820 hatte Charles Heath in England erstmals illustrierende Stahlstiche veröffentlicht, die sich dort bereits großer Beliebtheit erfreuten. Nach seiner Rückkehr eröffnete Frommel zusammen mit dem Engländer Henry Winkles, der auch für William Tombleson (ebenfalls London) arbeitete, 1824 in Karlsruhe ein Atelier für Stahlstecher, das erste seiner Art in Deutschland.

Nr. 005

Die Abbildung von Carl Ludwig Frommel diente offensichtlich als Vorlage für einen kleinen anonymen Stahlstich. Erschienen ist er vermutlich in einem der vielen Souvenir-Büchlein „Bade et ses environs“, die insbesondere von Gästen in Baden-Baden gerne gekauft wurden, um zuhause zu zeigen, wo man eine Kur gemacht hatte.

Bezeichnung: Rothenfels

Format: 9,7 x 5,8 cm

Nr. 010

Das vom Hofarchitekten Friedrich Weinbrenner erbaute Schloss Rotenfels zeigt eine Lithografie, die um 1830 im Verlag von J. Velten, Karlsruhe, erschienen ist. Ein Wegweiser gibt die Richtung der „Strasse nach Carlsruhe“ an.

Der Verlag von Johann Velten begegnet uns auf zahlreihen Lithografien des Murgtals. Im Karlsruher Stadtlexikon ist unter anderem zu lesen: „1820 gründete der 1784 in Wetzlar geborene und zuletzt in Basel tätige Kunsthändler Johann Velten in Karlsruhe eine Kunsthandlung mit Verlag und Sortiment in seinem Haus Lange Straße 233. Gegen Jahresende 1826 erhielt Velten die Konzession für den freien Betrieb der Lithografie und für die Errichtung einer Buchdruckerei für den eigenen Verlag. Ab Januar 1830 durfte er auch fremde Verlagsbücher drucken. 1832 eröffnete Velten, dessen Schwerpunkt auf der Herausgabe von Musikpartituren und Kunstbüchern lag, im Haus des Kaufmanns Carl Josef Mallebrein, Lange Straße 141, ein zweites Ladengeschäft, das er 1838/39 wieder aufgab. Zuvor hatte er in St. Petersburg 1837 eine Zweigniederlassung seines Geschäfts gegründet.“

https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:ins-1389

Bezeichnung: Schloß Rothenfels; bei J. Velten

Format: 18 x 13 cm

Nr. 020

„Die Solitude bey Rothenfels“ zeigt diese sehr frühe Lithographie aus dem Jahr 1818. Das im 17. Jahrhundert entstandene Gebäude wurde aber bereits 1796 durch französische Truppen zerstört. Übrig blieb nur der Felsenkeller. Für das  „Tage-Buch der Feldzüge des Krieges gegen Frankreich in den Jahren 1792 – 1796“ hatte der von 1791 bis 1796 in Gernsbach lebende  Amtmann Ernst Ludwig Posselt eine Abhandlung über das Murgtal und ein Dutzend Zeichnungen beigesteuert. Dazu gehörte diese interessante Abbildung der Solitude. Ein Glücksfall. Erschienen ist das Werk 1818 im Verlag Decke in Kolmar.

Unter den Abbildungen finden wir auch die Glasfabrik zwischen Gaggenau und Rothenfels und zwei mit dem Amalienberg.

Die Lithografie, auch Steindruck genannt, war erst 1798 von Alois Senefelder erfunden worden. Die ganz frühen Lithografien, wie dieser mit der Sulitude, werden Wiegendrucke genannt, weil sie in einer Zeit entstanden, in der sich diese neue Drucktechnik noch in den Kinderschuhen befand.

Bezeichnung: Die Solitude bey Rothenfels; J. Boillot 1818 (Es gab offensichtlich mindestens drei Auflagen, denn es existieren auch Drucke mit J. A. Billot 1818 und Lithographie de G. Engelmann à Mulhouse und weitere mit der Jahreszahl 1819 und ebenfalls dem Verlagshinweis.)

Format: 33,8 x 21,2 cm

E-Book: https://play.google.com/store/books/details?id=ULNCAAAAcAAJ&rdid=book-ULNCAAAAcAAJ&rdot=1

Nr. 025

Auf dem Keller der 1796 zerstörten Solitude, der Einsiedelei, am Fuße des Schanzenberges ließ sich Karoline von Hochberg vom badischen Oberbaudirektor Friedrich Weinbrenner ein Lusthaus errichten. Die altkolorierte Radierung von Johann Georg Primavesi nach einer Zeichnung von Carl Ludwig Kuntz aus dem Jahr 1806 zeigt rechts das „Römische Haus“ mit seinen vier Säulen und auf der linken Seite ist die Kirche St. Laurentius mit dem Pfarrhaus davor zu sehen. Erschienen ist die Radierung in dem „Handbuch für Reisende nach Baden bei Rastatt, in das Murgthal und auf den Schwarzwald“ sowie in einer Mappe „Das Murgthal geaezt von G. Primavesi“. Erschienen sind sie in den Heidelberger Verlagen Joseph Engelmann und Mohr & Zimmer.

Bezeichnung: Rothenfels am Eingang in das Murgtal zu finden bei Mohr & Zimmer in Heidelberg; gez. von  C. Kuntz – geaetzt von G. Primavesi f.aqua forte

Format: 27,5 x 17,3 cm

Nr. 026

Vermutlich bereits bei Erscheinen der Mappe wurden die Abbildungen auch koloriert angeboten.

Hier noch als Beispiel der Titel einer Mappe mit einer gedruckten Widmung: „Seiner königlichen Hoheit Karl Friedrich Grosherzog von Baden unterthänigst gewidmet von Georg Primavesi“. Den Zeichner erwähnt er nicht.

Nr. 030
Das „Römische Haus“ ist auch das Hauptmotiv eines von Carl Ludwig Kuntz zu Beginn des 19. Jahrhunderts gezeichneten und dann von ihm selbst geätzten großformatigen Kupferstichs. Zu sehen sind ebenso die Kirche St. Laurentius und im Vordergrund diesmal zwei Reiter und ein Wanderer.
Bezeichnung: Ansicht von Rothenfels am Eingang des Murgthales, Vue de Rothenfels a l’Entrée du Murgthal; Geaetzt und herausgegeben von Carl Kuntz Grosherzogl. Badischem Hof-Maler in Carlsruhe
Format: 35,5 x 26 cm
Nr. 050
Das Badhaus von Rotenfels um 1840 zeigt dieser frühe Stahlstich von Oeder nach einer Zeichnung von Carl Ludwig Frommel.
Frommel hatte die Technik des Stahlstichs 1824 bei einem Studienaufenthalt in England erlernt und in Deutschland eingeführt. Damit gehört dieser Stich zu den frühen seiner Art hierzulande.
Bezeichnung: Rothenfels, Die Elisabethen Quelle, Source Elisabethe, Elisabeth Spring; C. Frommel del., Oeder sculp
Format: 17,2 x 11,7 cm

Nr. 055

Ebenfalls das 1838 erbaute Badhaus von Rotenfels um 1850 zeigt dieser Stahlstich des Landschaftsmalers und Lithographen Karl Lindemann-Frommel, ein Neffe von Carl Frommel, der ihn adoptierte.

Nr. 060

Das Badhaus von Rotenfels um 1850 zeigt dieses anonyme Litho. An den beiden Bäumen im linken Bildteil ist zu erkennen, dass der Stahlstich Nr. 055 wohl als Vorlage diente. Die Überschrift „Baden-Baden (Environs) gibt zu erkennen, dass es in einem Souvenirbüchlein erschienen ist.

Bezeichnung: Rothenflz, Elisabethen Quelle, Source Elisabeth, Elisabeth Spring; Baden-Lith. F. M. Reichel

Format: 9 x 5,8 cm

Bezeichnung: Rothenfels, Die Elisabethen Quelle, Source Elisabeth, Elisabeth Spring; gez. V. K. Lindemann, gest. v. F. Würthle

Format: 10,2 x 7,7 cm

Nr. 070

Das Badhaus von Rotenfels um 1840 und dahinter die Gebäude der Elisabethenquelle sowie davor den Lauf der Murg zeigt dieses anonyme Litho.

Bezeichnung: Elisabethenquelle in Rothenfels

Format: 12,2 x 7,8 cm

Nr. 072

Das Badhaus von Rotenfels um 1880 und dahinter die Gebäude der Elisabethenquelle sowie davor den Lauf der Murg zeigt wie Nr. 070 dieser anonyme Holzstich, erschienen in „Illustrierte Zeitung“ Nr. 417

Bezeichnung: Gast- und Badhaus zur Elisabethenquelle in Rothenfels bei Baden.

Format: 22,5 x 12,4 cm

Nr. 080

St. Laurentius, die Mutterkirche des Murgtals, zeigt dieser anonyme Holzstich, der in der französischen Publikation Malte-Brun um 1880 erschienen ist.

Bezeichnung: Eglise de Rothenfels, prè Bade.

Format: 11 x 14 cm

Nr. 085

Einen Blick vom Kirchplatz St. Laurentius zum Schloss Rotenfels ermöglicht dieses um 1850 veröffentlichte colorierte Litho von Caspar Obach. Bei genauer Betrachtung ist auch das „Römische Haus“und das Quellenhäuschen für das Schloss zu erkennen. Rechts ist ein Stück des Pfarrhauses zu sehen.

Bezeichnung: Vue prise près de Rothenfels; C. Obach del., A. Reeve sc.; Chez J. Velten á Carlsruhe et Baden

Format: 12,8 x 9,5 cm

Nr. 086

Einen Blick vom Kirchplatz St. Laurentius zum Schloss Rotenfels ermöglicht auch dieses um 1850 veröffentlichte anonyme Litho, für das offensichtlich einer Zeichnung von Caspar Obach als Vorlage diente (Nr. 085). Rechts ist ein Stück des Pfarrhauses zu sehen.

Bezeichnung: Pres de Rothenfels.

Format: 9,4 x 6,6 cm

Nr. 090

Eine stimmungsvolle Straßenszene bei der „alten Schule“ mit Fachwerkhäusern und einer steinernen Bogenbrücke über den Angelbach ist auf einem Litho von Caspar Obach zu sehen, das um 1845 im Verlag J. Velten in Karlsruhe erschienen ist.

Bezeichnung: Rothenfels; C. Obach del, bei J. Velten.

Format: 18,7 x 13,5 cm

 

Buchvorstellung: Das Murgtal – Ansichten aus der „badischen Schweiz“

Die Herausgeberin Tina Wessel, Jahrgang 1976, Kulturwissenschaftlerin und selbst waschechte Murgtälerin hat darin zahlreiche reizvolle Landschaftsansichten aus dem Murgtal mit historischen Reisebeschreibungen, Gedichten und Sagen zu einem Spiegelbild dieser Epoche verbunden. Die Bilder und Texte führen uns auf eine Reise vom Eingang des Tales bei Bad Rotenfels bis zum Ende des badischen Teils hinter Forbach.

Das Buch entführt Sie auf eine Zeitreise ins Murgtal des 19. Jahrhunderts. Das Murgtal – seit jeher Inspirationsquelle für zahlreiche Künstler und Schriftsteller – wurde von seinen Bewunderern wegen seiner Ähnlichkeit mit der Schweiz auch die „badische Schweiz“ getauft. Dieser Vergleich – heute längst in Vergessenheit geraten – muss jedoch im 19. Jahrhundert den Betrachtern und Bewunderern des Murgtals umso gegenwärtiger gewesen sein. Denn es existiert kaum eine Beschreibung dieses „Tempels der Natur“, die nicht diese Metapher bemüht, die nicht die schroffen Felspartien und den wilden Lauf der Murg zum Anlass nimmt, gedankliche Assoziationen zur Schweiz aufzubauen.

Das Murgtal – die „kleine Schweiz“ – war zu dieser Zeit weit über seine Grenzen hinaus bekannt und berühmt für seine abwechslungsreiche und gegensätzliche Landschaft, die auch viele Künstler ins Tal lockte und dazu inspirierte, diese besonderen Reize bildnerisch festzuhalten. Zu diesen Künstlern zählen beispielsweise Christian Haldenwang, Georg Primavesi, Johann Obach, Carl Kuntz und Carl Ludwig Frommel. Den Ergebnissen dieses kreativen Schaffens galt das Interesse der Herausgeberin. Zu diesen zählen Landschafts-ansichten in Form von Kupferstichen, Radierungen, Lithographien, Stahl- oder Holzstichen, Aquarellen und Zeichnungen.

Das Buch bietet eine Fülle dieser beeindruckenden und überwiegend sehr seltenen Ansichten des Murgtals. Ergänzt werden sie durch pointierte Reiseberichte, interessante historische Beschreibungen, schwärmerische Gedichte und spannende Sagen rund ums Tal. Damit wird der optische Eindruck mit der ganz konkreten Lebenssituation des 19. Jahrhunderts verknüpft, und der Leser erhält dadurch ein facettenreiches Bild. Es soll ihm so auf unterhaltsame und abwechslungsreiche Weise ermöglicht werden, eine Reise in das Murgtal vergangener Tage anzutreten.

Erhältlich ist das Buch mit 132 Seiten im Hardcover für 10 Euro im Unimog-Museum oder über www.buchundbild.de (plus Versandkosten): https://www.buchundbild.de/de/buecher-technik-/-daimler-benz-/buch-das-murgtal-ansichten-badischen-schweiz-sonderpreis

Nach der Natur gezeichnet – Unser Landkreis in Bildern und Beschreibungen der Romantik und des Biedermeier

… ist Titel eines 24-seitigen Beitrags, den ich 1986 für das Heimatbuch des Landkreises Rastatt geschrieben habe. Darin werden auch die einzelnen Drucktechniken vorgestellt, die uns heute noch ermöglichen, uns an den Ansichten aus dem19. Jahrhundert zu erfreuen.

Michael Wessel

 

Literatur zu Gaggenau

Zur Kernstadt Gaggenau und den einzelnen früher selbständigen Stadtteilen sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Veröffentlichungen erschienen. Diese Kurzübersicht wird um Inhaltsbeschreibungen und weitere Bilder ergänzt. Bitte noch keine Bücher nachmelden, bevor ich meinen Bücherschrank abgearbeitet habe.

GAGGENAU

Echle, Willi: Gaggenau in Vergangenheit und Gegenwart, Gaggenau, 1968 (mit 285 Seiten das erste umfangreiche Standardwerk)

 

 

Langenmaier, Arnica-Verena: GAGGENAU – 60 Jahre Stadt, Gaggenau 1983

 

 

 

Langenmaier, Arnica-Verena: GAGGENAU – eine Stadt gibt sich die Mitte, Gaggenau, 1984

 

 

 

Lindemann, Klaus E. R., Gaggenau – Portrait der blühenden Stadt an der Murg, Karlsruhe, 1978

 

 

 

Für weitere Bücher aus den Stadtteilen hier klicken: Weiterlesen

Neuerscheinung: „Verstreute Spuren – verblasste Erinnerungen“ von Ulrich Behne

Das jüdisch geführte Kaufhaus Guggenheim in der Stadtmitte von Gaggenau um 1914
Sammlung Wessel

Thomas Senger vom Badischen Tagblatt schreibt zur Neuerscheinung: „Verstreute Spuren – verblasste Erinnerungen“ von Ulrich Behne:

Ein Buch über die Vergessenen

Ulrich Behne ruft das jüdische Leben in Gaggenau, Hörden und Rotenfels in Erinnerung

Es ist das bisher schlimmste Kapitel der Menschheitsgeschichte, und es wurde auch im Murgtal geschrieben. Die Erinnerung daran, die hat man verblassen lassen, denn in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Nazi-Diktatur, da wollte man sich nicht gerne erinnern. Mit dem Buch „Verstreute Spuren – Verblasste Erinnerungen“ hat Ulrich Behne nun ein Werk vorgelegt, das die Juden aus Hörden, Gaggenau und Rotenfels aus der Vergessenheit holt.
Der ehemalige Lehrer am Goethe-Gymnasium und Vorsitzende des Kulturrings Gaggenau hat sich einer Aufgabe gestellt, die andere Lokalhistoriker nicht gesehen haben, vielleicht nicht sehen wollten. Wer Behne je als Lehrer erlebt hat, wie er junge Menschen für Geschichte begeistern wollte, der weiß, wie der noch 79-Jährige – er wird am 3. April 80 Jahre alt – sich in ein Thema „hineinkniet“, wie er es bezeichnet. Behne hat Spuren gesucht in den Ortschaften, in den Häusern und in den Archiven. Vielleicht, vielleicht hat es ihm dabei geholfen, dass er als einst „Zugezogener“ sich nicht verschämt ducken musste, wenn die Taten der Väter- oder Großvätergeneration der Murgtäler zur Sprache kamen. Eine Lektüre, die berührt Wenn man sein Buch liest, wenn man Ulrich Behne im Gespräch darüber erlebt, dann spürt man, dass er bei allem Quellenstudium, bei allem Streben nach Fakten sich persönlich hat berühren lassen von dem Schicksal der Familien, der Frauen und Männer, der Kinder und Alten; die Murgtäler waren unter Murgtälern, Nachbarn unter Nachbarn, Freunde unter Freunden – und doch einem scheinbar unausweichlichen Schicksal entgegengingen, das in Flucht, Vertreibung oder Vernichtung endete.

Es ist nicht nur das Zusammentragen von Fakten, was das Buch lesenswert macht, es sind die darin vorkommenden Menschen, deren Geschichten, die es zu einer berührenden Lektüre werden lassen. In drei Hauptteilen nimmt sich Behne des Themas an: Die jüdische Gemeinde in Hörden, Jüdische Kaufleute in Gaggenau und das Kapitel über den Rotenfelser Arzt Dr. Meyerhoff und seine Familie. Im Anhang geht Behne darüber hinaus auf den Theologen und Schriftsteller Alban Stolz ein, ein Antisemit seiner Zeit, der in Rotenfels von 1833 bis 1835 als Kaplan tätig war. Die Nazi-Diktatur, sie formte den größten Fäkalienhaufen der deutschen Geschichte. Das Buch von Ulrich Behne kann dazu beitragen, dass Antisemitismus nie wieder tolerierbar wird -egal, ob es ein übernommener Antisemitismus ist oder ein bereitwillig importierter.

Ulrich Behne (2019): Verstreute Spuren – verblasste Erinnerungen. Verlag Regionalkultur, 176 Seiten, ISBN 978-3-95505-131-0. Das Buch ist für 17,90 Euro im regionalen Buchhandel erhältlich.

Die „Schatzsuche“ geht weiter

Sehr interessante „Schätze“ konnten in den letzten Monaten in Gaggenauer Fotoalben geborgen werden. Daher geht die „Schatzsuche“ weiter.

Hier einige Beispiele, zu denen noch Bilder gesucht werden: Partnerschaft mit Annemasse (nur Bilder aus Gaggenau), Scheibenschlagen in Hörden, Brezelwürfeln, Wächtersingen und anderes Brauchtum, erfolgreiche Sportler wie Jakob Scheuring, „Spiel ohne Grenzen“ im VfB-Stadion, Arnim Dahl beim Kaufhaus Bracht, Steffi Graf beim Tennisclub Blau-Weiss, Handwerker und Industriebetriebe. Bilder von Kinderfesten sind dagegen in ausreichender Zahl vorhanden.

Es werden zukünftig an dieser Stelle auch Bilder veröffentlicht, zu denen weitere Informationen wie Anlass, Namen der Personen oder Aufnahmejahr gesucht werden. Die ersten beiden Beispiele:

Wann entstand dieses Bild bei den „Segelfliegern“(?) und wer ist darauf zu erkennen?

Hierzu schrieb Horst Göricke: „Das Bild bei den Segelfliegern entstand 1952 anlässlich der Ausstellung im Gasthaus „Kreuz in Gaggenau“. Auf dem Bild sind zu erkennen: Kurt Richter mit seinem Modell “ANTHÖFER”, des weiteren Hermann Lang, Adolf Kretz und Werner Heise.

Und wann entstand dieses Bild, das den Musikverein Rotenfels – damals noch ohne „Bad“ – vor der alten Turnhalle zeigt und wer ist zu erkennen?

 

 

 

 

Wie hieß der Arzt, der 1963  im Rotenfelser Kurgarten in der Nähe des früheren Kurmittelhauses Gymnastik macht?facebook Gaggenau Rot Kurmittelhaus 1963 - AK Wessel Kopie

 

 

 

 

Wie heißen die drei Pfarrer bei der Glockenweihe in Ottenau 1954?facebook Gaggenau Ott drei Pfarrer Glocken - Frank Ebinger Kopie

 

 

 

 

 

Wer hat ein besseres Bild von Dekan Joseph Vogt?facebook Gaggenau Ott Dekan Josef Vogt - Frank Ebinger Kopie

 

 

 

 

 

 

 

Wann in den 1920er Jahren wurde dieses Bild mit Sulzbacher Turnern aufgenommen. Mit dreiviertel-langen Hosen als Dritter von links Wendelin Schnepf zu sehen. Wer waren die anderen?facebook Gaggenau Sulz Turnerriege 20er  kurze Hosen Wendelin Schnepf - Winfried Schnepf  Kopie

 

Museum für Wirtschaftsgeschichte in Gaggenau?

Im Badischen Tagblatt schrieb Thomas Senger am 2. März 2013 in der Rubrik „Talblick“:

Erfolg mit Geschichte

Eines wird man von den Gaggenauern -den Bürgern, Geschäftsleuten und Kommunalpolitikern – wohl nicht behaupten können: Dass sie sich zu viele Gedanken um die Industrie- und Wirtschaftshistorie ihrer Stadt machen würden. Dabei wird da Potenzial achtlos liegengelassen. Immerhin sollen – endlich – die großen Leuchtbuchstaben auf dem Backsteingebäude am Glasersteg wieder leuchten. Da, wo wirklich Wirtschafts-, Industrie- und auch Designgeschichte geschrieben wurde. Ein Anfang. Ein klitzekleiner Neu-Anfang.

Aktive des Turnerbundes Gaggenau

Aktive des Turnerbundes Gaggenau

Man bedenke: Seit 1683 von Markgraf Ludwig-Wilhelm die Grundlage für die Entwicklung der Eisen- und späteren Gaggenau-Werke gelegt wurde, haben unzählige Produkte den Namen der kleinen Stadt an der Murg in alle Welt getragen. Einige davon haben das, was man „Kult-Status“ zu nennen geneigt ist. Nein, das ist nicht nur der Unimog. Gaggenauer Glas – einst heiß begehrt. Oder: 250000 „Badenia“-Fahrräder wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts hier hergestellt. Sprung in die Zeit nach 1945: Wo wurden die ersten Einbaubacköfen gebaut? Die Antwort findet man dort, wo man den Namen zu schätzen weiß: gaggenau.com.

Nun hat der Hersteller von exklusiven Küchengeräten Gaggenau schon vor Jahren den Rücken gekehrt. Das ist sehr bedauerlich. Aber der Name, der ist da.

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Charlie Kappler, der Sebastian Vettel der 1920er Jahre

In den 1920er Jahren war der Gernsbacher Karl Kappler – genannt Charlie – ein besonders erfolgreicher Rennfahrer in Deutschland und genoss eine Popularität wie heute Sebastian Vettel und vor einigen Jahren Michael Schumacher.

In der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau – dem heutigen Mercedes Werk – fing Kappler als Lehrling an und gewann bereits 1907 als Fünfzehnjähriger sein erstes Rennen, eine so genannte Subventionsfahrt mit einem Lastwagen von Stuttgart nach Berlin.

Kreisarchivar Martin Walter hat das Lebenswerk des Gernsbacher Rennfahrers unter anderem in seinem Buch „Karl Kappler – Der badische Pionier des Motorsports“ interessant beschrieben. Es ist im Casimir Katz Verlag erschienen.

Zum 50. Todestag von Karl Kappler veröffentlichte das Badische Tagblatt am 8. Dezember 2012 folgenden Artikel. Bitte „Weiterlesen“ anklicken:

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Willy Seck entwickelte den Gaggenauer Volkswagen

Das Gaggenauer „Volks-Automobil Liliput“ wurde 1905 als der „billigste kleine Motorwagen der Welt“ angepriesen. Doch mit der Idee eines Volkswagens war man hier offensichtlich der Zeit zu weit voraus. Es wurde ein Flop, wie man heute zu sagen pflegt. Nur wenige Exemplare wurden in Bergmann’s Industriewerken in Gaggenau sowie im Zweigwerk Suhl und ab 1905 in der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau gebaut. Lediglich zwei Liliput sind erhalten geblieben. Nach seinem Konstrukteur Willy Seck wurde im Dezember 2012 in Oberursel eine Straße benannt.

Ein Gaggenauer Liliput bei der Ausstellung "Aller Laster Anfang" 2010/2011 im Unimog-Museum

Rechts ein Gaggenauer Liliput bei der Ausstellung „Aller Laster Anfang“ 2010/2011 im Unimog-Museum

Hier zum Weiterleses des Beitrags im Badischen Tagblatt vom 3. 1. 2013 klicken: Weiterlesen

Glasindustrie begründet Industriestandort Gaggenau

Wenn die Ursprünge des Industriestandortes Gaggenau aufgespürt werden, dann wird zuallererst der Bau eines Hammerwerkes durch den Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, bekannter als der „Türkenlouis“, um das Jahr 1680 genannt. Doch dieses Hammerwerk hatte fast 200 Jahre keine besondere Bedeutung. Wechselnde Besitzer versuchten erfolglos ihr Glück. Dies änderte sich erst, als es der Industrielle Michael Flürscheim 1873 kaufte und später gemeinsam mit Theodor Bergmann als Eisenwerke Gaggenau zu Weltgeltung brachte. Auch die Suche nach Eisenerzen – beispielsweise imHilpertsloch – war ein Flop und ist somit einer Erwähnung kaum wert.

Den wesentlichen Impuls für die Industrialisierung von Gaggenau gab der Unternehmer und Gaggenauer Oberschultheiß Anton Rindeschwender, als er 1772 die Waldglashütte von Mittelberg an die Murg verlegte und zu einer Glasfabrik ausbaute.

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Geschichte der Eisenwerke Gaggenau

1683           Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden verpachtet das neu erbaute Gaggenauer Hammerwerk (Eisenschmelze, Hammerwerk und Nagelschmiede) an Hauptmann Adam Ernst von der Dekhen

Produktion: Schmiedeeisen und Nägel

Im 18. und Anfang des 19. Jh. erfolgt bei wechselnden Besitzverhältnissen und Schwierigkeiten bei der Eisen- und Holzbeschaffung die Erweiterung des Produktionsprogramms

1801           Louis Görger kauft das markgräfliche Eisenwerk

1840           nach seinem Tode übernimmt sein Schwiegersohn Anton Klehe das Werk

Gaggenauer Eisenhammer um 1840 – Lithographie

1848           übernimmt sein Sohn Louis Klehe das Werk mit mittlerweile 40 Mitarbeitern und baut es weiter aus

1852           Errichtung der ersten Gießerei mit Kupolofen im Murgtal

1858           Inbetriebnahme eines durch Wasserkraft der Murg betriebenen Walzwerkes

Einrichtung von Dreherei, Modellschreinerei und Montagewerkstätten.

Produkte sind landwirtschaftliche Maschinen (Pflüge, Eggen), die aus eigenem Rohstoff hergestellt werden.

1873           Michael Flürscheim und Franz Korwan kaufen am 1. Februar das Eisenwerk von Ludwig Klehe

Firmenname: „Korwan und Flürscheim Eisenwerke Gaggenau bei Rastatt“ (vormals Louis Görger)

Neue Produkte: Eisenkonstruktionen, Brücken, Geländer, Gasregulatoren, Schrot- und Farbmühlen

Am 17. 12. des gleichen Jahres scheidet Franz Korwan krankheitsbedingt aus. Er verstirbt zwei Monate später

1874 – 1891           Besondere soziale und fortschrittliche Betriebseinrichtungen

Krankenkasse für Arbeiter, Angestellte und deren Familien, Unterstützungskasse, Arbeiter-Sparkasse, Konsumverein, Speiseanstalt, Feuerwehr, Gewerbeverein, Turnverein, Gewerbeschule, Arbeiterwohnungen (heute Theodor-Bergmann-Straße)

1878           Aufnahme der Produktion von Luftpistonen (später Firmenzeichen) für die im Februar 1879 ein Patent an Michael Flürscheim erteilt wird.

Eisenwerke Gaggenau um 1891

1880           Theodor Bergmann, ein Herdfabrikant aus Konstanz, tritt in die Firma ein.

Emailierwerk, Stanzerei, Vernickelungsanstalt, Buchdruckerei, Schreinerei und Kunstgießerei werden eingerichtet. Neues Produkt: Badenia-Fahrräder

150 Mitarbeiter

1884           Bergmann wird Teilhaber. Firmenname: „Eisenwerke Gaggenau, Flürscheim und Bergmann“

1886           Das erste Gaggenauer Automobil soll hergestellt worden sein; vermutlich handelte es sich um einen lenkbaren Dampfwagen, der durch eine kleine Dampfmaschine betrieben wurde

608 Mitarbeiter

1887           Die Eisenwerke erhalten Großaufträge für Reklameschilder der Weltfirmen Stollwerck (Köln), Maggi (Singen), Odol (Dresden) und Tobler (Schweiz)

Bau der ersten Gasfabrik

1888           Die Eisenwerke werden zu Jahresbeginn eine Aktiengesellschaft. Michael Flürscheim scheidet aus. Alleiniger Firmenleiter ist Theodor Bergmann

1041 Mitarbeiter

1891           Das Produktionsprogramm umfasst rund 200 alphabetisch aufgelistete Erzeugnisse; sie reichen vom Armleuchter bis zur Zierkanne.

Haupterzeugnis des Emailierwerks: „Gaggenauer Email-Majoliken“

Theodor Bergmann, der Ende der 80er Jahre in Ottenau zahlreiche Grundstücke erwarb und darauf bereits Firmengebäude erstellte, scheidet zum Jahresende aus und macht sich selbständig.

1894           Adolf Steffen wird Direktor

Einschränkung der Produktionspalette (u. a. wird die Waffenproduktion eingestellt). Es werden hauptsächlich Fahrräder, Gasherde und Gaskocher produziert.

1910/1911           Ankauf des Firmengeländes der ehemaligen Glashütte Gaggenau

Neubau einer modernen Gießerei

1928           Stilllegung der AG als Folge der Weltwirtschaftskrise

1931           Wiedergründung der Eisenwerken als GmbH unter dem neuen Inhaber Dr. Otto von Blanquet

Spezialisierung auf Kohle- und Gasherde

Neuer zusätzlicher Produktionszweig: Elektroherde und Großküchenanlagen

1939 – 1945           Teilweise Umstellung auf Rüstungsproduktion

1944           Fast alle Werksanlagen werden am 10. September durch den Bombenangriff auf die Stadt Gaggenau zerstört

1948           Erweiterung und Modernisierung der ursprünglichen Produktionspalette:

Kohlen-Sparherde, Gas-Sparherde, Elektro-Vollherde Modell „Favorit“ und „Fortuna“

180 Mitarbeiter

1962           Die gesamte Werksanlage wird auf das Areal der früheren Glashütte verlegt. Zusätzliche neue Produkte: Küchenlüftungs-, Kücheneinbau- und Heizungsgeräte

Ausbau des Vertriebs durch Tochtergesellschaften in Europa

1975           Umbenennung der Firma in „Gaggenau-Werke, Haus- und Lufttechnik GmbH“

1989           Die Produktion der Gaggenaue-Werke wird in zwei neu errichtete Hallen in Bad Rotenfelser Gewann Wissigfeld verlagert

1994           Übernahme der Gaggenau-Werke zum Jahresende durch die Bosch-Siemens-Hausgeräte GmbH, München

1997           Die Gaggenau-Werke verlagern die Entwicklung und Produktion ins elsässische Lipsheim. Der Vertrieb verbleibt zunächst in Gaggenau

2002           Zum Jahresende wechselt der Vertrieb nach München

2003           „Die Genussakademie“ verbunden mit Ausstellungsräumen der Gaggenau-Küchen wird eingerichtet

Quelle u. a.:

„Theodor Bergmann zum 150. Geburtstag“, Herausgeber: Stadt Gaggenau, Bearbeitung: Stadtarchiv Gaggenau, Mai 2000 und Recherchen von Michael Wessel

Entnommen der Schrift: „Eisenwerke Gaggenau AG“ – Nachdruck einer Broschüre aus dem Jahr 1891. 2009 erschienen im BadnerBuch Verlag, http://www.badnerbuch-verlag.de